Zöpfe flechten und vermissen

„Warum hast du dir bloß die Haare abgeschnitten?“, fragtest du verzweifelt als du mich sahst. Ich zuckte mit den Schultern und meinte, dass ich eben Lust darauf hatte. Ich hatte beinahe ein schlechtes Gewissen und dachte, du würdest mich jetzt weniger mögen.

Immerhin war es eine deiner liebsten Beschäftigungen, mich stundenlang zu frisieren, mir Zöpfe zu flechten und Frisuren zu machen. Deine Haare waren sehr dünn und kurz. Sie wuchsen eben nicht so schnell, wie die meinen. Darum fandest du es immer großartig, dass ich lange Haare hatte.

Aber nun waren sie kurz und ich konnte die Enttäuschung in deinem Gesicht sehen. „Dann spielen wir heute eben mal was anderes als nur Friseur“, sagte ich tröstend. Du nicktest. Wir beschäftigten uns also an diesem Abend mit Brettspielen. Vielleicht schauten wir auch dieses Pippi Langstrumpf Video. Ich weiß es nicht mehr so genau.

Aber es war okay. Es war einer von den vielen Abenden, die ich mit dir verbrachte. An denen ich dir half, deine Hausaufgaben zu machen, mit dir gemeinsam zu Abend aß, wir etwas spielten und ich dich zu Bett brachte. Bestimmt erzählte ich dir auch eine meiner Gute-Nacht-Geschichten, die ich mir immer aus dem Ärmel zog.

Nur mit meinen Haaren spieltest du seither nicht mehr. Sie wuchsen schnell nach und ich hatte bald wieder meine gewohnte Länge. Aber du wolltest nicht mehr meine Friseurin spielen.

Weißt du, ich hab dir das nie erzählt, aber du warst die Einzige, der ich das überhaupt erlaubte. Denn ganz eigentlich mag ich es nicht, wenn jemand meine Haare anfasst. Menschen machen das gerne, weil ich Locken habe und die sehr einladend sind. Aber ich habe es nur dir erlaubt, mich zu frisieren, mir Zöpfe zu flechten und mir Frisuren zu machen. Weil du es einfach so gern tatest. Und deshalb war es okay für mich.

Nun sitze ich hier, beinahe zehn Jahre später.

Du lebst nicht mehr.

Und ich muss über mich selber lachen, weil es das ist, woran ich mich als erstes erinnere, wenn ich an dich denke. Daran, wie enttäuscht du warst, als ich mir meine Haare abschneiden ließ, weil du sie so gerne hattest.

Ich vermisse dich.

Über Meichy

Meichy // 24 // Sozialarbeiterin mit einer Leidenschaft für das geschriebene Wort // Kontakt: meichy@gmx.at
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3 Antworten zu Zöpfe flechten und vermissen

  1. Sarah Riedeberger schreibt:

    Ich glaube, eine schönere und ehrlichere Art und Weise des Erinnerns gibt es nicht. Mich hast du damit sehr berührt!

  2. Ben Froehlich schreibt:

    Schön, dass es diese Erinnerung gibt. Sie ist so viel mehr als eine Fotografie, weil die Erinnerung lebt.

  3. achlys128 schreibt:

    Die grossen Momente bleiben nicht, nicht wenn man jemanden gut gekannt hat. Es sind die kleinen Dinge – Vorlieben, Angewohnheiten, Ängste – die einem immer an diese Person erinnert. Diese spezielle Art, eine lästige Strähne aus dem Gesicht zu streichen, die Erdnussbutter, die sie zu allem ass, das völlig selbstvergessene Schaukeln beim Anhören seiner Lieblingsmusik…

    Ich möchte nicht sagen, es tut mir leid. Das hilft dir nicht, es ist nur eine leere Floskel. Aber wenn du reden willst, kannst du mir jederzeit schreiben.

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