Zigarettenglut

Es ist bereits Frühling, aber in den Nächten legt sich immer noch eine dünne Schicht aus Eis über die Scheiben der Autos. Es ist schon längst dunkel geworden und eigentlich zu kalt um noch ohne Jacke am Balkon zu stehen. Aber du wolltest eine Zigarette und ich bin dir gefolgt.

Mittlerweile hast du dir schon die Dritte angezündet. Ich beobachte, wie du daran ziehst. Wie die Glut kurz aufleuchtet und ein weiteres Stückchen der Zigarette zu Asche verwandelt. Wie du den Rauch tief einatmest, er kurz in deinem Körper verweilt, und du ihn dann langsam wieder ausatmest.

Du schüttelst deinen Kopf und wehrst meine Hand ab, die nach deiner Zigarette greifen will. Du weißt, dass ich eigentlich nicht rauche. Aber jetzt würde ich gerade wirklich gerne. Denn auf diese Weise könnten sich unsere Lippen zumindest indirekt berühren. Aber du lässt nichtmal diese Art von Nähe zu.

Mir ist kalt. Ich merke, dass ich unter den Ärmeln meines Sweatshirts Gänsehaut habe. Meine Arme fest verschränkt vor meinem Brustkorb. Vermutlich zittere ich leicht und du hast das längst bemerkt. Meine Füße kann ich schon lange nicht mehr spüren. Noch vor wenigen Stunden, als alles anders war, hättest du mir bestimmt deine Jacke angeboten.

Wir schweigen uns nun schon seit zweieinhalb Zigarettenlängen an. Aber was sollten wir uns auch noch sagen? Die letzten Stunden waren gefüllt mit zu vielen Worten, zu viel Schmerz und zu vielen Tränen. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, als ich dir sagte, dass ich nicht mehr glücklich bin mit dir.

„Ich hätte das Basilikum noch nicht hier raus stellen dürfen. Es ist noch zu kalt in den Nächten.“, sage ich schließlich und durchbreche die Stille. Du siehst mich erstaunt an und nickst schließlich. „Ja, wir hätten uns um alle unsere Pflanzen besser kümmern müssen. Die meisten sind in den letzten Jahren vertrocknet, verwelkt, abgefroren, verfault.“, antwortest du.

Du wischt dir eine Träne aus dem Gesicht. Ich blicke auf meine rechte Hand, berühre meinen Ehering mit der anderen und streife ihn ab. Ich halte den Ring fest in meiner Faust, möchte ihn zerdrücken, verformen. Doch er ist hart und bleibt stabil. Ich sehe in meinen Augenwinkeln, dass du mich dabei beobachtest.

Du nimmst noch einen langen Zug von deiner Zigarette und dämpfst sie aus, noch bevor du wieder ausgeatmet hast. Du streifst auch deinen Ehering ab, öffnest mit deinen Fingern meine Faust und legst ihn zu meinem dazu.

Über Meichy

Meichy // 24 // Sozialarbeiterin mit einer Leidenschaft für das geschriebene Wort // Kontakt: meichy@gmx.at
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