Narrenfreiheit

„Weißt du noch, als du sagtest, sobald du finanziell unabhängig seist, würdest du den Kontakt zu deinem Vater abbrechen?“

Ja.

„Und weißt du noch, als du vor etwa einem Jahr gemeinsam mit deiner Therapeutin einen Brief verfasst hast, in dem du ihm alles gesagt hast, was du nie aussprechen konntest?“

Natürlich.

„Dann hattest du auch noch unzählige Träume davon, wie es wäre, ihm all das vorzuwerfen, was er falsch gemacht hat. Wie es sich anfühlen würde, wenn er sich entschuldigt.“

Ich erinnere mich.

„Du hast immer auf den passenden Moment gewartet, endlich mit diesem Teil deines Lebens abschließen zu können. Doch dieser Moment ist nie gekommen. Und jetzt sitzt du da und bist hin und her gerissen. Zwischen all dem Leid, das er dir zugefügt hat und der Zuneigung, die du doch noch für ihn empfindest, einfach weil er dein Vater ist. Dabei sagst du selbst immer, Familie sei kein Grund, Zeit mit jemandem zu verbringen, den man eigentlich nicht mag.“

Ich weiß.

„Ich kann das ehrlich gesagt nicht verstehen. Wie kannst du ihm überhaupt noch in die Augen schauen, nach all den Übergriffen? Und auch wenn es alleine auf Grund der Distanz zwar seltener geworden ist, dass er deine Grenzen missachtet, er scheint es dennoch immer noch nicht zu kapieren.“

Ich glaube, er wird das niemals verstehen.

„Worauf wartest du dann? Wieso sprichst du noch immer mit ihm?“

Ich kann es rational nicht erklären. Ich habe für niemanden jemals so intensive Hassliebe verspürt. Keinem anderen Menschen wünsche ich den Tod und wäre gleichzeitig zutiefst erschüttert darüber. Wir haben seit ich ein kleines Mädchen war diese missbräuchliche Beziehung und ich habe es nie ganz geschafft, mich davon loszureißen. Er hat Narrenfreiheit in meiner Seele.

 


Dieser Beitrag wurde im Rahmen von Projekt txt verfasst. Das Schlüsselwort lautet Narrenfreiheit.

Über Meichy

Meichy // 24 // Sozialarbeiterin mit einer Leidenschaft für das geschriebene Wort // Kontakt: meichy@gmx.at
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